„Auch in Deutschland sind Genres möglich, die TV-Sender nicht mit der Kneifzange anpacken würden“

Die 2. Staffel der aufsehenerregenden deutschen Mystery-Serie „Dämmerung“ geht ihrem Ende zu. Höchste Zeit für ein paar Hintergrundinformationen: „metropolog“ sprach mit Martn Bondzio, der zum kreativen Team hinter der Serie gehört, über die Entstehung von „Dämmerung“, die Herausforderungen eine Webserie zu produzieren und neue Projekte.

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metropolog: „Dämmerung“ ist eine Mystery-Serie par Excellence. Allerdings ist Mystery ein Genre, an das sich in Deutschland seit Fritz Langs „Müden Tod“ im Jahre 1921 niemand mehr so richtig rangetraut hat. Wie seid ihr auf die Idee gekommen eine Mystery-Serie zu produzieren?

martn: Das Genre stand am Anfang unserer Überlegungen gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Als ich mich mit drei anderen Kumpels im Sommer 2007 zusammensetzte, um zu besprechen was wir als nächstes drehen wollen, ging es in erster Linie um das Format. Einige wollten lieber einen Kurzfilm drehen, aber am Ende habe ich mich zusammen mit meinem Co-Produzenten/Co-Autoren Adrian Wolf durchgesetzt: Wir machen eine Serie für das Internet! Damals gab es noch kaum Webserien und die einzige deutsche Webserie die uns bekannt war, war „Sinister Bay“ aus Hamburg.

Wir wollten eine Webserie machen damit wir die Geschichte und die Figuren besser entwickeln können. Die Entscheidung was im Sci-Fi/Fantasy/Endzeit/Mystery-Genre zu machen kam dann recht automatisch. Wir wollten eine Serie machen die es nicht ins deutsche Fernsehen geschafft hätte, und zwar wegen der Thematik und nicht wegen der Qualität. Wir wollten zeigen, dass auch in Deutschland Genres möglich sind, die die TV-Sender nicht mit der Kneifzange anpacken würden. Natürlich kommt dazu noch meine recht hohe Affinität zum SciFi und Mystery-Genre.

Für mich als Nachwuchsfilmemacher war es, und ist es immer noch ein wenig, frustrierend zu wissen, dass man hier in Deutschland solche Projekte nicht professionell angehen kann. Mit der Webserie sind uns jetzt völlig neue Möglichkeiten geboten. Wir sind Unabhängig und können quasi machen was wir wollen und haben den direkten Kontakt zum Zuschauer, auch wenn sich der deutsche User noch sehr schwer tut konstruktiv im Netz zu diskutieren.

Ich erhoffe mir aber, dass Produzenten und Sender die Webserie als Experimentierfeld für den Nachwuchs beobachtet und fördert. Vielleicht können so auch einige Ängste und Zweifel bei den Fernsehmachern gegenüber „ungewöhnlichen“ Serienkonzepten abgebaut werden.

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metropolog: „Dämmerung“ produziert ihr als Verein. Wie kommt es denn dazu, was genau muss man sich darunter vorstellen und wie funktioniert sowas? Wenn ich an Filmverein denke, habe ich das Bild vom „Offenen Kanal“ vor Augen. Eure Serie kommt aber sehr professionell rüber. Wie bekommt ihr das hin?

martn: Wir sind zum größten Teil Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftsstudenten an der Uni Köln. Das ist ein rein theoretischer Studiengang. Filmemachen lernt man zum größten Teil beim Filme machen.

Wir haben den Verein gegründet um eine rechtliche Grundlage zu haben und natürlich auch um Spenden an Land zu ziehen. Da die Uni Köln uns nicht unterstüzen kann, weil es nicht Teil des Studiums ist, müssen wir uns komplett selbst finanzieren. Und das geht nur über Spenden und viel Eigenkapital. Die erste Staffel haben wir dann Stück für Stück gedreht. Immer wenn wieder ein bißchen Geld da war haben wir wieder ein paar Folgen gedreht. Selbstverständlich waren wir darauf angewiesen, dass alle im Team gratis arbeiteten und zum größten Teil hat jeder noch was dazu gegeben. Wir hatten tatsächlich so wenig Geld, dass wir noch nicht mal mit einem guten Catering werben konnten.

Aber wir wollten zeigen, dass billig nicht gleich schlecht heißen muss. Selbstverständlich sieht man, dass es eine Low-Budget Produktion ist, aber man sieht nicht wie wenig Geld wir tatsächlich hatten und das war unser Anspruch. Das Ganze geht nur mit einer guten Geschichte, viel Disziplin und wirklich guten Schauspielern. Und die Leute hinter der Kamera haben ihre Hausaufgaben gemacht. Wir haben uns intensiv vorbereitet und geplant und wir legen viel Wert auf das „Handwerk“ Filmemachen. Und dazu behandeln wir unseren Zuschauer als intelligentes Lebewesen. Das ist was, was ich bei vielen aktuellen TV-Produktionen vermisse.

Dass es eine zweite Staffel geben konnte verdanken wir der Webserienplattform 3min.de, die für beide Staffeln die Sendelizenzen erworben hat. Man muss ganz deutlich sagen, dass die Summen die hier momentan bezahlt werden gerade so die Kosten decken und das ohne Gagen für Schauspieler und Crew, aber wir können an Dämmerung weiterarbeiten und sogar neue Formate entwickeln. Das nächste Projekt befindet sich bereits in Planung und trägt den Arbeitstitel „M.E.G.A.“ Mehr wollen wir aber noch nicht verraten.

metropolog: Werden am Ende der 2. Staffel eigentlich alle Fragen geklärt sein? Und plant ihr schon eine dritte Staffel?

martn: Die Geschichte ist viel zu komplex um alle Fragen zu klären. Wir haben feststellen müssen, dass wir einfach zuviel wollten. Zuviel für eine Webserie zumindest. Es wird sehr schwer sein wirklich alle Fragen zu beantworten. Die zweite Staffel endet ja sehr unbefriedigend für den Zuschauer, aber auch für uns Macher. Deshalb wird es eine dritte Staffel geben. Danach ist es noch unklar wie es mit Dämmerung weiter gehen wird. Es kommt auch darauf an wie sich die Budgets entwickeln. Wir wollen Dämmerung aber weiter erzählen. In welchem Format bzw. Medium wird das nächste Jahr zeigen.

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite zur Serie. Die ersten beiden Staffeln gibt es bei 3min.

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