Was ist die Zukunft der Webserie?

Eine Diskussion zwischen Armando Gutíerrez, Betreiber des Blogs Webseries and Internet Television und Mitarbeiter bei Jakun Media, die Webserien produzieren und lizensieren, und Daniel Morawek vom metropolog, der ab und an auch eigene Filme dreht. Ein Schlagabtausch zwischen Produzentenseite und Kreativenmeinung sozusagen…

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Armando: Um mal die Diskussion in Gang zu bringen: Momentan sind Webserien noch ziemlich unbekannt. Was meinst du, ob sie auch weiterhin unbeachtet bleiben werden, solange bis sie es ins Fernsehen schaffen oder Ableger von Filmen und Fernsehserien werden?

Daniel: Das glaube ich so jetzt auch nicht. Webserien sind noch nicht sonderlich bekannt in Deutschland, das stimmt. Die Spin-Off-Geschichte gibt es bisher ja nur in den USA. Zum Beispiel bei Lost, Battlestar Galactica und bald auch für Monk.

Mit der Möglichkeit eine Webserie auch im TV zu bewerben, kann man sicherlich helfen eine Webserie schneller bekannt zu machen. Und die TV-Sender versuchen natürlich den Anschluss nicht zu verlieren an das Internetzeitalter, deshalb denke ich, dass auch in Deutschland die Sender immer mehr Experimente in Richtung Webserie wagen werden. Manche TV-Serien werden ja auch schon parallel zur Erstausstrahlung kostenlos im Internet gezeigt (Beispiel: myspass.de).

Ich glaube aber, dass Webserien ihren eigenen Weg finden müssen, wenn sie wirklich im Internet bekannt werden wollen, und nicht einfach nur das Fernsehen kopieren. Interessant ist es, dass eine der erfolgreichsten Webserien in Deutschland, Sex and Zaziki, von Amateuren und absoluten Anfängern gemacht wurde und so sieht die erste Staffel auch aus. Trotzdem springt der Funke beim Publikum über. Auch die erfolgreiche US-Serie über “Chad Vader” ist ein Beispiel dafür.

Das Fiese beim Internet, was sicherlich auch viele professionelle Produzenten verunsichert und abschreckt, ist dass man nicht immer alles genau vorhersagen kann. Also, dass man nicht sagen kann: “Wenn wir 200.000 Tausend Euro ausgeben dann haben wir ein professionelles Produkt, und dann machen wir ein bisschen Werbung und dann sehen das 1 Million Menschen an.“ Manchmal macht einer einen Clip für 50 Euro und den sehen dann 2 Millionen Menschen an. Man kann im Internet noch nicht so gut planen.

Armando: Ja, du hast recht wenn du die kreativen Möglichkeiten der Webserien ansprichst. Aber das Verhalten der Zuschauer ist dynamisch: Sie mögen kreative low-quality Serien jetzt gut finden. Aber vielleicht erwarten sie in drei Jahren nur noch high-quality Produktionen. Außerdem können viele Produzenten ihre Webserien zur Zeit nur weiterführen wenn sie sich mit einem Sponsor aus der Wirtschaft zusammentun. Und Unternehmen wollen natürlich mit hochwertigen Produktionen in Verbindung gebracht werden. Die dann wiederum Erwartungen beim Publikum schüren: Die Zuschauer erwarten immer mehr, dass Webserien die Fernsehstandards widerspiegeln.

Es wird immer Ausnahmen geben und verrückte virale Serien, die unerwareteten Erfolg haben. Aber eine Industrie kann sich nicht auf dem “Zufallsprinzip” aufbauen. In der Zukunft wird man immer öfter sehen können, was man jetzt schon beobachten kann: erfolgreiche Low-Budget-Serien bekommen eine Finanzierung und werden zu hochwertigen Produktionen.

Daniel: Also ich glaube ja, dass Webserien in Deutschland momentan in erster Linie eine großartige Möglichkeit für Nachwuchsfilmer sind, an die Öffentlichkeit zu treten und neue Projekte und neue Stile auszuprobieren.
Denn das ist ein großes Problem beim deutschen Fernsehen: Man darf nichts ausprobieren. Sehr viele Leute wollen da mitreden, wenn eine Serie gemacht wird. Und eine Mystery-Serie wie “Dämmerung” hätte es im deutschen Fernsehen bestimmt nie gegeben.

Armando: Ich glaube auf jeden Fall auch, dass Webserien ein gutes Vehikel sind um sich als Nachwuchstalent zu präsentieren und zu impovisieren. Wenn Filmstudios die Produktion von mehr Serien ermutigen würden, könnten wir sehen wie die Kreativität explodieren würde. Ich hab noch nicht mit vielen Studios über dieses Thema gesprochen, aber das Studio in der Nähe unserer Büros hat wenig Interesse daran Nachwuchs durch Webserien zu suchen.

Daniel: Natürlich nicht. Für ein großes Studio, ist der herkömmliche Weg Nachwuchs zu finden immer der beste. Also Filmhochschule machen, einen Abschlussfilm drehen der ein paar Preise gewinnt und dann als Assistent im Studiosystem anfangen und sich hocharbeiten.


Aber ich denke, gerade für Querdenker und Quereinsteiger ist das Web eine guter Raum, um sich auszutoben und auf sich aufmerksam zu machen. Also ich meine jetzt nicht die breite Masse der Filmleute, aber die deren Namen man sich merken wird. Sozusagen die Tarantinos, Almodovars und meinetwegen auch Spielbergs von morgen.

Armando: Klar, es ist eine kostengünstige Art ist um zu experiementieren. Ich bin immer wieder von der Serie Malviviendo beindruckt, die von einer “out-of-school-and-still-jobless”-Gruppe gemacht wird, die versuchen ihrer Talente zu präsentieren.

Aber mal was ganz anderes: Ich habe gehört, dass viele Deutsche synchronisierte US-Fernsehserien den deutschen Serien vorziehen. Denkst du das selbe trifft auf Webserien zu?

Macht es einen unterschied für die Zuschauer wenn sie Webserien im Internet anschauen, sehen sie nationale Produktionen dann mit anderen Augen? Sind sie dann eher stolz, oder peinlich berrührt?
Einige unserer Kunden haben sich noch vor einem Jahr geweigert deutsche Produktionen zu verkaufen. Jetzt mussten sie feststellen, dass sie heimischen Serien erfolgreich sind. Interessant, oder?

Daniel: Deutsche TV-Zuschauer bevorzugen tatsächlich oft US-Serien. Das trifft vor allem auf jüngere Zuschauer zu. US Produzenten wagen eher Neues im Fernsehen und haben das Geld auch andere Genres zu produzieren, nicht nur Krimis. Ich denke, wenn deutsche Webserien-Produzenten es schaffen mehr zu experimentieren und näher am Puls der Zeit sind als das Fernsehen, dann haben sie sehr wohl eine gute Chance sich gegen deutsche TV-Serienproduzenten zu behaupten. Die Deutschen sehen nicht gerne synchronisierte Serien, weil das “cooler” ist, sondern weil das Angebot einfach besser ist. Webserien müssen ein “gutes Angebot” darstellen.

Armando: Meine Beobachtung ist, dass Deutsche ziemlich offen gegenüber deutschem Online-Content sind. Wie schon erwähnt, dieses Jahr gab es mehr Interesse an heimischen Produktionen. In manchen Fällen liegt es am Format, dass nur im eigenen Land funktioniert, beispielsweise bei “Tiger – Die Kralle von Kreuzberg”. In anderen Fällen, wie bei “Bubble Universe” bin ich mit nicht so sicher.

Die Geschichte ist natürlich das Wichtigste, aber schlechte Qualität kann die beste Story ruinieren. Beim Filme machen, macht den USA niemand etwas vor, wenn es darum geht möglichst viel Material mit möglichst guter Qualität zu produzieren. Sogar mit mittelmäßigen Geschichten. Das selbe gilt auch für Webserien, es scheint mehr US-Serien mit hohen Produktionsstandards zu geben als hierzulande. Das hat zu einem großen Teil mit den Möglichkeiten der Finanzierung zu tun, aber auch der Stil und das Format wurden in den USA soweit perfektioniert, dass sie “akzeptablen” Content in Masse produzieren können.

Der Stil von deutschen Regisseuren ist anders. Er ist in der Regel nicht so “populär”.

Daniel: Mag sein. Aber ein Beispiel aus einem anderen Bereich: In der Unterhaltungsliteratur haben deutsche Verlage lange Zeit fast nur übersetze Texte aus US und England in Deutschland veröffentlicht, weil in Deutschland niemand die Geschichten geschrieben hat, die die Leute lesen wollten. In den letzten Jahren hat sich das ziemlich geändert. Es gibt eine neue Generation von Romanautoren in Deutschland die erfolgreich sind und tatsächlich bringen die Verlage mittlerweile wieder viel mehr deutsche Bücher heraus als früher. Es bleibt also alles eine Frage der Qualität und nicht eine Frage der Herkunft.

Du bist ja näher dran, was in Deutschland zur Zeit so an neuen Konzepten für Webserien angeboten wird. Wie siehst du die Zukunft? In einem Jahr? Werden deutsche Webserienproduzenten diese Qualität erreichen können, die sich mit internationalen Produktionen messen lassen und das deutsche Publikum speziell ansprechen können?

Armando: Ich denke, deutsche Produktionen werden gut mit ausländischen Produktionen konkurrieren können. Aber nur in Deutschland. Es wird Ausnahme geben, aber normalerweise läuft der “Mainstream-Strom” nur in eine Richtung in der ganzen Welt.

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Armando Gutíerrez ist Betreiber des Blogs Webseries and Internet Television und Mitarbeiter bei Jakun Media, die Webserien produzieren und lizensieren.

Daniel Morawek betreut den metropolog. Ab und an dreht er auch eigene Filme.

Ein Gedanke zu „Was ist die Zukunft der Webserie?

  1. Hello, das ist eine sehr gesunde Diskussion. ich glaube das Produzent sein im Umfeld des Web bedeutet seine klassiche Position aufzugeben. Wir sind mit Nerd-Perfekt.tv im Testgebiet Schweiz im Preview. Das Erlöskonzept ist bipolar. Einmal klassische Sponsorensuche von gross (Markenartikler) bis klein (wir drehen in Deinem Restaurant) und auf der anderen Seite über social platform marketing. Der user wird Co-Produzent und investiert über ein makropayment vielleicht 10 Euro. Dafür wird er gefeiert und wird im Umfeld erwähnt. In der zweiten Stufe wird er dann am Revenue beteiligt.
    sby 29.Okt.2009

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