25. November 2009 • Popkultur
Vor kurzem machte ein Spendenaufruf für ein Dokumentarfilm-Projekt in Bloghausen die Runde: “Eurocrime! The Italian Cop and Gangster Films that Ruled the ‘70s”
Doch was ist überhaupt Eurocrime? Oder sollte ich besser sagen Poliziottesco? Versuchen wir mal eine Annäherung an ein vergessenes Filmgenre:
Was ist Eurocrime?
Schwierig wird es bereits, wenn man versucht das Genre begrifflich zu umrunden: “Poliziottesco” nennt man die Filme in Italien (auch die Bezeichnungen Polizieschi, Poliziesco und Poliziotto tauchen auf), von Poliziotto, dt. Polizist. In englischsprachigen Länder sagt man “Eurocrime”, was nicht wirklich zutreffend ist, weil die Filme ja eigentlich allesamt in Italien spielen (auch wenn sie oft europäische Koproduktionen sind).
“Poliziottesco” trifft es ebenfalls nicht wirklich, auch wenn die ersten Filme, wie Stefano Vanzinas “Das Syndikat” aus dem Jahr 1972, Kommissare und Polizisten im einsamen Kampf gegen das Verbrechen in den Mittelpunkt stellen. Im Laufe der 70iger gab es dann aber genauso viele Filme aus Sicht der Verbrecher.
Ein griffiger Genretitel zur rechten Zeit hätte dem “Poliziottesco” sicherlich geholfen besser im Gedächtnis zu bleiben.
Wie ist Eurocrime entstanden?
Wie die Schauspieler und Regisseure in dem Trailer für die Doku oben ja bereits erwähnen, herrschte in den italienischen Großstädten Anfang der 70iger eine angespannte Atmosphäre. 1973 entführten die Roten Brigaden den FIAT Personalchef, 1974 verschärfte sich der Terror. Der Polizeipräsenz erhöhte sich. Außerdem geriet Italien in eine Wirtschaftskrise.
Im Kino flaute die Spaghetti-Western-Welle langsam ab, die Produzenten suchten nach neuen Wegen Geld zu verdienen. Inspiration holten sie sich bei den erfolgreichen rauen Thrillern, die gerade aus den USA kamen: Filme wie Dirty Harry oder The French Connection.
Die Macher
Wichtige Regisseure des Genres sind Enzo G. Castellari (Tote Zeugen singen nicht, Dealer Connection), Umberto Lenzi (Milano Rovente, Der Berserker, Die Viper) und Fernando di Leo (Milano Kaliber 9, Der Mafiaboss). Letzterer wurde von Quentin Tarantino in einigen Interviews als Inspirationsquelle genannt.
Viele der Eurocrime-Regisseure hatten zuvor auch schon Italo-Western gedreht, beispielsweise Enzo G. Castellari oder der Django-Erfinder Sergio Corbucci. Auch Komponistenlegende Ennio Morricone hat für rund drei Dutzend der Filme die Musik geschrieben.
Die Besetzung der Filme ist oft recht international gehalten, es handelte sich wie bereits erwähnt häufig um Koproduktion mit anderen Ländern. Poliziottesco-Star Tomás Milián zählt hier nur halb – er war zwar Kubaner, lebte aber bereits seit den 50igern in Italien und spielte schon in vielen Western mit. Besonders gern holte man sich amerikanische TV-Schauspieler nach Italien, um die Verwertung in die USA zu ermöglichen.
Neben Joseph Cotton (Der Vernichter) und Joe Dallesandro (Die wilde Meute, Toy) wurden vor allem Henry Silva und Woody Strode zu Helden des Genres. Silva und Strode sind dann auch in dem Film “Der Mafiaboss” die Widersacher eines anderen gern gesehenen Schauspielers aus dem Auslabd: Mario Adorf (unter anderem: Gewalt – Die 5. Macht im Staat, Milano Kaliber 9, Der Tod trägt schwarzes Leder).
Fortsetzung folgt
Im zweiten Teil meines Eurocrime-Specials werde ich morgen einige der wichtigsten Filme näher vorstellen. Also schaut wieder vorbei.