Lange vor Pulp Fiction: Eurocrime-Special (2) – Die Filme

Im ersten Teil des Eurocrime-Specials ging es um die Entstehungsgeschichte des Genres und die Macher. Diesmal werfen wir einen Blick auf das eigentliche Herzstück des Genres. Die Filme:

Die wichtigsten Filme

Der Mafiaboss (1972) von Fernando di Leo

Dieser Film geht nur schwer mit dem Image überein, das man heutzutage von Mario Adorf hat: Kleinganove Luca Canali (Adorf) gerät unverschuldet in die Schusslinie des New Yorker Mafiobosses Corso. Dieser schickt zwei Killer nach Mailand, um Canali zu erledigen. Doch dieser wehrt sich mehr als man erwartet hatte. Nachdem Canalis Frau und Tochter dran glauben müssen, erwacht endgültig der wilde Stier in Adorf…

Die Story hört sich simpel an, und sie ist es auch. Hier geht es eher darum Mario Adorf einen Grund zu geben seine Fäuste einzusetzen, denn wie heißt schon so schön im Untertitel zum Film: “Sie töten wie Schakale”.

“Der Mafiaboss” ist ein rauer Actionfilm, der erstaunlicherweise tatsächlich von Adorfs inbrünstiger Performance getragen wird. Das würde man ihm heutzutage gar nicht mehr zutrauen, wenn man ihn sonst nur aus deutschen TV-Produktionen kennt.

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Milano Kaliber 9 (1971) von Fernando di Leo

Bereits ein Jahr vor dem “Mafiaboss” drehte di Leo einen der bekanntesten Eurocrime-Filme: “Milano Caliber 9″. Ebenfalls mit einem jungen Mario Adorf, der auch mal wieder richtig durchdrehen darf am Schluss. Allerdings nur als Nebenfigur. Hauptfigur ist Ugo Piazza (Gastone Moschin) der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Leider glaubt sowohl ein Gangsterboss, wie auch die Polizei, dass Ugo 300.000 Dollar zur Seite geschafft hat, bevor er geschnappt wurde. Und die wollen sie jetzt zurück haben…

Das Grundgerüst der Geschichte, ist ähnlich wie beim “Mafiaboss”, alles in allem würde ich aber sagen, dass es in “Milano Kaliber 9″ noch besser umgesetzt wurde. Mit Sicherheit einer der Meilensteine des Genres, allein schon der Trailer (oben) ist sehenswert.

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Der Berserker (1974) von Umberto Lenzi

“Der Berserker” ist ein typisches Spiegelbild der sozialen Umstände im Italien der 70iger: Die Regisseure der Eurocrime-Filme wollten ergründen, warum das Klima auf den Straßen kälter wurde, warum es mehr Gewalt gab und mehr Entführungen. Oftmals wurden die Filme dann aus der Sicht eines Kriminellen erzählt, so wie in diesem Film Giulio Sacchio (Tomas Milian) ein Kleinkrimineller, der wenig zu verlieren hat im Leben.

Doch während er versucht sein Glück in die eigenen Hände zunehmen, entfaltet sich schnell ein Strudel von Gewalt und Grausamkeiten, der bald nicht mehr zu stoppen ist und immer weitere Kreise zieht. Irgendwann ist Giulio zur ultimativen Killermaschine mutiert, der vor keinem Mord mehr zurückschreckt, um seine eigene Haut zu retten.

Ein starker Film, der fulminant auf sein blutiges und düsteres Ende zusteuert.

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Die Viper (1974) von Umberto Lenzi

Ein Jahr nach “Dem Berserker” schickt Regisseur Umberto Lenzi Tomas Milian wieder mit dem Maschinengewehr durch die Gegend. “Die Viper” ist ein brutaler Film, in dem die Grenzen zwischen Verbrechern und Polizei fließend ineinanderübergehen, wenn die Gesetzeshüter selbst zu illegalen und brutalen Methoden greifen.

“Roma a mano armata” heißt der Film im Original. “Rom mit Waffengewalt”.

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Der Tod trägt schwarzes Leder (1974) von Massimo Dallamano

Dieser Film ist ein Zwitter aus Giallo-Slasher und Polizeifilm. In der Haupthandlung geht es um einen Verbrecher-Ring der Schulmädchen in die Prostitution treibt. Der Killer auf dem Motorrad wurde eher mühsam in die Story integriert. Trotzdem ist er für die besten Szenen des Films verantwortlich.

Bereits in der ersten Szene des Films wurde gespart. Als der Polizist Valentini (Mario Adorf) die erhängte Leiche eines Schulmädchens auf einem Dachboden findet, hat die Produktionsfirma einfach eine Puppe hingehängt – und das sieht man auch deutlich.

In Deutschland wird der Film immer mit dem Namen Mario Adorf auf dem Cover beworben. Dabei hat Adorf in diesem Streifen ausnahmsweise nur eine winzige Nebenrolle. Die weiteren Ermittlungen führt nämlich ein anderer Kommissar.

Trotz allem ist “Der Tod trägt schwarzes Leder” ein atmosphärischer Thriller, der seine guten Momente hat.

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Wild Dogs (1974) von Mario Bava

Drei Gangster überfallen auf äußerst brutale Weise einen Geldboten. Auf ihrer Flucht aus der Stadt nehmen sie eine Angestellte und einen Mann, der ein Kind im Auto hat als Geiseln.

“Wild Dogs” ist eine kreative Produktion, die mit manch gutem Einfall überraschen kann. Beispielsweise der Twist am Ende. Na gut, ich konnte vorhersehen, dass da noch was kommen würde… Trotzdem Respekt.

Auch die verschiedenen Charaktere sind gut inszeniert. Angeführt wird die Bande von einem Typen, der nur der “Dottore” genannt wird – und tatsächlich scheint er nicht ganz zu seinen Gangster-Kollegen zu passen und intelektuell etwas mehr auf dem Kasten zu haben. Anscheinend (ganz genau wird es nie erklärt) ist er der Kopf der Bande, der sich für die Ausführung zwei echte Draufgänger ins Boot geholt hat. Was logischerweise im Drama enden muss.

Persönlich einer meiner Favoriten des Genres.

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Blutiger Freitag (1972) von Rolf Olsen

Ob dieser Film überhaupt in die Reihe gehört, darüber kann man streiten: Immerhin spielt er in Deutschland und auch der Regisseur (Rolf Olsen) und der Hauptdarsteller (Raimund Harmstorf) sind Deutsche. Der Film ist aber eine italienische Koproduktion, und mit Sicherheit stark vom Geist des Poliziottesco-Genres geprägt. Unterstützung erhält Harmstorf vom italienischen Schauspieler Gianni Macchia (der auch in “Der Mafiaboss” zu sehen war, der Soundtrack stammt aus der Feder von Francesco De Masi.

Regisseur Rolf Olsen ist dafür bekannt auch gerne mal Genre-Experimente in Deutschland gewagt zu haben, zum Beispiel auch mit dem Film “Das Rasthaus der grausamen Puppen“. In “Blutiger Freitag” begleiten wir (ähnlich wie in “Der Berserker” und “Wild Dogs”) den Weg einer handvoll Krimineller auf ihrem Weg ins Verderben, beim Versuch aus den gesellschaftlichen Normen auszubrechen. Und wie der Titel bereits andeutet, endet der Trip auch hier blutig.

Auf YouTube kann man den kompletten Film kostenlos ansehen. Allerdings in der englischen Sprachfassung. Und die Synchronisation ist leider echt grottig. Besser bedient ist man mit der deutschen Originalfassung, die es günstig auf DVD gibt:

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Weiterführende Informationen

Bis die im ersten Teil dieses Specials erwähnte Eurocrime-Doku zu sehen sein wird, dauert es noch ein bisschen. Das ist aber halb so wild, da zwei deutsche Filmfreaks bereits angetreten sind, um das erste Standwerk zum Thema zu schreiben: “Der Terror führt Regie: Der Italienische Gangster- und Polizeifilm 1968 – 1982” von Michael Cholewa und Karsten Thurau.

Der Schwerpunkt des durchgehend farbigillustrierten Wälzer liegt auf dem Rezensionsteil in dem rund 200 Filme besprochen und analysiert werden. Zahlreiche Abbildungen, sowie ein Verzeichnis aller wichtigen Mitwirkenden des Genres, einigen Hintergründen und Interviews runden die Sache ab.

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