Drei Beerdigungen und ein Südseestrand

Im Fernsehen läuft eine Dokumentation über das pazifische Inselparadies Tonga. Erinnerungen an die alte Gemeinde kommen bei mir hoch. Und an meinen besten Freund. Der heute nicht mehr lebt.

Damals in der alten Gemeinde hatten er und seine Familie eine Prophetie bekommen. Sie sollten als Missionare nach Tonga gehen. Eine typische Verschrobenheit der alten Gemeinde, die ihre eigene Version des Christentums so sehr und über alles liebte, dass sie auch nicht davor zurückschreckte, diese durch Missionare nach Tonga tragen zu wollen.

Bekehrt hätten sie dort wohl niemanden. Tonga ist eine der christlichsten Nationen auf der Erde. Bei Beerdigungen sind acht Pastoren anwesend. Anstatt den Menschen dort zu helfen, mag es sein, dass die herzliche Art der Tonganer stattdessen der Familie geholfen hätte. In der alten Gemeinde war wenig Platz für Lebensfreude.

Mein bester Freund hatte schon alle Reiseführer und Bildbände zu Tonga und dem Pazifik zusammengetragen, als bei seinem Vater ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Die Beerdigung war vier Wochen später. Es waren vier Prediger der alten Gemeinde anwesend. Die Stimmung war fröhlich. Gezwungenermaßen.

In der Gemeinde hatte man die Prophetie verkündet, dass der Vater von den Toten auferstehen würde. Über einen Tag lang wurde kein Arzt gerufen, der bei dem Leichnam den eingetretenen Tod hätte feststellen können. Man brauchte Zeit, um ihn wieder zum Leben zu beten.

Als man am zweiten Tag das Unterfangen wegen der einsetzenden Verwesung abrechen musste, verfeinerte man die Prophetie. Der Vater sollte nun erst bei der Beerdigung aus dem Sarg aufstehen. Für die Verwandten und alle anderen Anwesenden war ab sofort gute Miene zu bösem Spiel verordnet.

Um es kurz zu machen: Der Vater blieb in seinem Sarg.

In Tonga dürfen die Verwandten einen ganzen Tag am Bett des Toten trauern. Als der Sarg des Vaters in Deutschland zugeschaufelt wurde, wollte es niemand glauben. Kurz nach dem Tod brach die Familie auseinander. Die Tochter kam mit der Pubertät nicht klar. Stolperte von einer aussichtslosen Beziehung in die nächste. Mein bester Freund ging bald nicht mehr zur alten Gemeinde. Ich auch nicht. Er fing an zu studieren. Und zu kiffen.

Sein Leben endete, als er sich unter Verfolgungswahn leidend, vom Balkon seiner Wohnung im vierten Stock stürzte. Auf der Beerdigung war nur ein Pastor. Es wurde viel geweint.

In Tonga tanzen die Menschen am Strand in den Sonnenuntergang. Bei der Bestattung nehmen sie mit Chorälen und Tanz feierlich Abschied. Ich schalte den Fernseher ab. Wie wäre die Geschichte meines besten Freundes verlaufen, wenn er jetzt mit seiner Familie in Tonga wäre? Ich hätte meinen besten Freund an die Südsee verloren.

Aber verloren habe ich ihn sowieso.

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