Yakuza-Kino: der japanische Gangsterfilm
Tätowierte Gangster, Ehrenkodex und am Ende das Schwert: Der Yakuza-Film ist eines der langlebigsten Genres des japanischen Kinos. In sechzig Jahren hat er sich mehrmals neu erfunden.

Die ritterlichen Gangster
In den 1960er Jahren produzierte vor allem das Studio Toei eine lange Reihe sogenannter Ninkyō-Filme. Sie spielen meist in der Vorkriegszeit und erzählen von Gangstern, die nach einem strengen Ehrenkodex leben. Der Held ist ein einsamer Mann, oft verkörpert von Ken Takakura, der lange erduldet und schließlich allein gegen eine übermächtige, ehrlose Bande antritt. Diese Filme waren Massenware und ähnelten sich stark, gerade darin lag ihr Reiz für das Publikum.
Seijun Suzuki und der Pop-Gangster
Beim Studio Nikkatsu drehte Seijun Suzuki zur selben Zeit Gangsterfilme, die mit den Regeln des Genres spielten. Tokyo Drifter von 1966 ist knallbunt, fast ein Musical. Branded to Kill von 1967 ist eine surreale, schwarz-weiße Studie über einen Auftragskiller. Dem Studio war das zu viel: Suzuki wurde 1968 entlassen. Heute gelten beide Filme als Klassiker, die Regisseure in aller Welt beeinflusst haben.
Die Wirklichkeit kehrt zurück
1973 veränderte Kinji Fukasaku das Genre mit Battles Without Honor and Humanity, im Original Jingi naki tatakai. Statt edler Helden zeigt er die Yakuza der Nachkriegszeit als Gruppe von Opportunisten, die einander verraten. Die Kamera ist unruhig, die Gewalt chaotisch, Standbilder mit Namen und Todesdaten erinnern an Wochenschauen. Diese Jitsuroku-Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen, lösten den ritterlichen Gangsterfilm ab.
Kitano und Miike
In den 1990er Jahren brachte Takeshi Kitano eine neue Ruhe in das Genre. In Sonatine von 1993 warten Gangster an einem Strand auf den nächsten Auftrag und spielen wie Kinder, bevor die Gewalt plötzlich und kurz zuschlägt. Hana-Bi gewann 1997 den Goldenen Löwen in Venedig. Kitano spielt in seinen Filmen meist selbst, mit fast unbeweglichem Gesicht.
Takashi Miike dagegen trieb das Genre in die Übertreibung. Seine Yakuza-Filme der späten 1990er und frühen 2000er Jahre sind laut, grotesk und oft schwer erträglich, aber voller Ideen. Er drehte in manchen Jahren mehrere Filme, viele davon direkt für den Videomarkt.
Die Yakuza im Film und in der Wirklichkeit
Die Yakuza sind keine Erfindung des Kinos, sondern reale kriminelle Organisationen in Japan. Ihr Verhältnis zum Film war lange eng. Manche Produktionen der Nachkriegszeit wurden von Gruppierungen beeinflusst, die ihr Bild in der Öffentlichkeit pflegen wollten. Der ritterliche Gangster der Ninkyō-Filme hatte mit der Wirklichkeit wenig zu tun.
Gerade deshalb waren die Jitsuroku-Filme der 1970er Jahre ein Einschnitt. Sie zeigten Gier, Verrat und Gewalt ohne Verklärung. In den 1990er Jahren verschärfte Japan die Gesetze gegen organisierte Kriminalität, und die Yakuza verloren an Einfluss. Das Kino reagierte mit Filmen über alternde Gangster, die ihren Platz in einer veränderten Gesellschaft nicht mehr finden. Auch Kitanos Figuren gehören zu diesem Typus.
Wer die Filme heute sieht, sollte diesen Hintergrund kennen. Sie erzählen nicht nur Geschichten über Verbrecher, sondern auch über Japan nach dem Krieg, über Ehre, Loyalität und die Frage, was davon in einer modernen Gesellschaft übrig bleibt.
Was Filmemacher lernen können
Der Yakuza-Film zeigt, wie ein Genre von Einschränkungen lebt. Die Toei-Filme wurden unter Zeitdruck nach festen Formeln gedreht. Suzuki machte aus knappem Budget einen eigenen Stil. Kitano erzählt mit Pausen und Stille. Für eigene Projekte mit kleinem Budget ist das lehrreich: Stil entsteht oft aus dem, was fehlt. Mehr dazu im Beitrag über B-Movies.
Viele dieser Filme sind als Blu-ray mit deutschen Untertiteln erschienen und laufen gelegentlich in den Mediatheken von arte und 3sat. Einen Überblick über das japanische Kino bietet der Wikipedia-Artikel Japanischer Film.
